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Objekt des Monats Juni 2026

Im kelten römer museum gibt es viele Ausstellungsstücke zu entdecken. Einige fallen neben den archäologischen Highlights vielleicht nicht sofort ins Auge, doch auch sie haben spannende Geschichten zu erzählen!
In unserer Reihe »Objekt des Monats« stellen wir ausgewählte archäologische Funde und weitere Exponate aus unserer Dauerausstellung oder einer aktuellen Sonderausstellung näher vor.
Auf den ersten Blick wirken unsere Objekte des Monats Oktober schaurig: der Schädel eines jungen Mannes, der um 100 v. Chr. lebte und bei Ausgrabungen im Manchinger Oppidum zutage kam. Die französische Künstlerin Élisabeth Daynès hat für unser Museum eine Rekonstruktion seines Gesichts angefertigt.
Bei Ausgrabungen im Gebiet der einstigen Keltenstadt Manching wurden immer wieder menschliche Knochen gefunden, die außerhalb eindeutiger Grabkontexte zutage traten, etwa in Brunnen, Gräben oder, wie im Fall des hier gezeigten Schädels, in Gruben. Bemerkenswert ist die auffällige Häufung bestimmter Skeletteile: Neben zahlreichen Langknochen wie Oberarm-, Oberschenkel- und Schienbeinknochen wurden überproportional häufig Schädel und Schädelteile gefunden. Anthropologische Untersuchungen erbrachten zudem wiederholt Hinweise auf nachträgliche Einwirkungen auf die Knochen. An zahlreichen Langknochen fanden sich Spuren postmortaler Einwirkung, etwa Tierverbiss oder Schnittspuren, die möglicherweise beim Entfernen anhaftender Fleischreste entstanden waren. Auch viele Schädel und Schädelknochen wiesen Beschädigungen auf, die offenbar erst lange nach dem Tod der jeweiligen Individuen entstanden waren. Die Unterkiefer wurden zudem meist getrennt von den Schädeln aufgefunden.
Diese Beobachtungen lassen eine gezielte "Behandlung" der sterblichen Überreste vermuten. Das wirft spannende Fragen auf: Wurden die Körper zunächst eine Zeit lang im Freien aufgebahrt? Wurden sie vielleicht bewusst Tieren ausgesetzt – möglicherweise im Rahmen bestimmter Rituale? Wurden bestimmte Körperteile gezielt entnommen und als Erinnerungsstücke aufbewahrt? Eine einheitliche Praxis im Umgang mit den Toten lässt sich bislang nicht nachweisen. Doch es gibt gute Gründe für die Annahme mehrstufiger Bestattungsrituale.
Rätsel gibt auch die Vergesellschaftung menschlicher Überreste mit anderen Funden auf, darunter Tierknochen, Keramikscherben, Münzen, Glas und Hüttenlehm. Wurden diese Gegenstände gemeinsam mit den Knochen niedergelegt – und lassen sich derartige Fundkontexte als rituelle Deponierungen ansprechen? Auch diese Frage ist bislang nicht abschließend geklärt.
Hinsichtlich der Schädel ist besonders interessant, dass griechische und römische Schriftquellen Hinweise auf einen in Teilen der keltischen Welt praktizierten Umgang mit menschlichen Schädeln liefern, der häufig als „Schädelkult“ bezeichnet wird.
Der Historiker Livius berichtet vom Schicksal des römischen Feldherrn Lucius Postumius Albinus, der 216 v. Chr. in einer Schlacht gegen den keltischen Stamm der Boier fiel. Die Boier sollen seinen abgeschlagenen Kopf als Trophäe in ihr bedeutendstes Heiligtum gebracht haben. Dort wurde der Schädel "ihrer Sitte gemäß" gereinigt und mit Gold verziert; anschließend diente er als heiliges Gefäß für Trankopfer. Ähnliches überliefert der griechische Geograf Strabon unter Berufung auf Poseidonios von Apameia von den Galliern: Die Köpfe ihrer angesehensten Feinde hätten sie mit Zedernöl einbalsamiert und Fremden gezeigt. Inwieweit sich solche Berichte auf alle keltischen Stämme und insbesondere auf die Manchinger Kelten übertragen lassen, bleibt fraglich. Auffällig ist dennoch, dass unter den Schädeln aus dem Manchinger Oppidum männliche Individuen deutlich überwiegen.
Zwei in Manching gefundene Schädel männlicher Individuen, die bei Ausgrabungen am Osttor des Oppidums entdeckt wurden, weisen jeweils eine Durchbohrung des Schädeldachs auf. Handelte es sich um sogenannte „Trophäenschädel“, die im Torbereich befestigt waren?
Aktuelle archäologische Forschungen versprechen wichtige neue Erkenntnisse zu Schädel- und Skelettfunden innerhalb des Oppidums. Zu nennen ist hier ein jüngst entdeckter Kastenbrunnen, in dem neben zahlreichen Tierknochen und weiteren Fundstücken auch menschliche Überreste gefunden wurden. Die Untersuchung solcher Fundkontexte könnte weitere Anhaltspunkte zur Klärung der Fragen hinsichtlich eines möglichen Totenkults liefern.
Die meisten Menschen, deren Überreste nach mehr als 2000 Jahren entdeckt werden, bleiben namenlos – ihre Lebensgeschichten liegen im Dunkeln. Doch dank der Gesichtsrekonstruktion gewinnt der Mann, dessen Schädel hier zu sehen ist, ein Stück seiner Individualität zurück. So wird er für uns wieder als Mensch greifbar.
Markus Strathaus
Literatur
Günter Lange, Die menschlichen Skelettreste aus dem Oppidum von Manching, Die Ausgrabungen in Manching 7 (Wiesbaden 1983)
Dorothea van Endert, Das Osttor des Oppidums von Manching, Die Ausgrabungen in Manching 10 (Stuttgart 1987) S. 56–58.
Tobias Mühlenbruch, Manching (Ldkr. Pfaffenhofen an der Ilm) – Überlegungen zu den „Gruben“ mit menschlichen Skeletten und Skelettresten, Prähistorische Zeitschrift 95/2, 2020, 522–534.
Katja Winger, Baubefunde und Siedlungsentwicklung der Südumgehung im Oppidum von Manching, Die Ausgrabungen in Manching 20 (Wiesbaden 2015) 90–104.
Erwin Hahn, Zur Bestattungssitte in der Spätlatènezeit. Neue Skelettfunde aus dem Oppidum von Manching, in: Mostafa Kokabi – Joachim Wahl (Hrsg.), Wissenschaftliche Tagung der Gesellschaft für Archäozoologie und Prähistorische Anthropologie vom 21.–24.09.1998 in Braunschweig. Beiträge zur Archäozoologie und prähistorischen Anthropologie 2 (Konstanz 1999) 137–141.
Autor:innen der Reihe
Dr. Markus Strathaus
Jasmin Braun M.A.
Maria Braun B.A.
Arwen Deyhle B.A.
Tobias Esch M.A.
Fabienne Karl M.A.
Henrike Wachsmuth M.A.
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