Politik im Fingernagelformat

Objekt des Monats September 2021

Die Nicologemme vom Auerberg dürfte bald nach der Adoption Octavians durch Caesar (44 v. Chr.) hergestellt worden sein.
In der Umzeichnung sind die Details des Gemmenbildes für ungeschulte Augen besser zu erkennen.

Schon römische Machthaber bedienten sich öffentlichkeitswirksamer Medien zur Verbreitung politischer Botschaften. Als Paradebeispiel lassen sich die massenhaft herausgegebenen und weit zirkulierenden Münzen nennen. Aber auch Gemmen wurden, da sie einen hohen Verbreitungsgrad aufwiesen, als Bildträger verwendet. Dies veranschaulicht unser Objekt des Monats September 2021.

Die Gemme aus blauem Glas wurde bei Ausgrabungen auf dem Auerberg im Allgäu entdeckt. Von dem dazugehörigen Fingerring aus Eisen waren bei Auffindung nur noch Reste erhalten. Glas-Gemmen stellten eine kostengünstige Alternative zu Gemmen aus Edelsteinen dar. Das Objekt aus der Archäologischen Staatssammlung lässt sich in unserer aktuellen Sonderausstellung »Kunst in Miniatur« bewundern.

Die Darstellung auf der nur ca. 8 x 6 Millimeter messenden Bildfläche ist auf den ersten Blick schwer erkennbar. Sie lässt sich aber anhand zahlreich überlieferter Parallelbeispiele dechiffrieren. Im Zentrum ist ein Fingerring wiedergegeben. Darüber findet sich in der Mitte der Kopf eines jungen Mannes, der als Octavian – der spätere römische Kaiser Augustus – zu identifizieren ist.

Das Motiv kann somit als »Adoptionsring« gedeutet werden: Im Jahr seiner Ermordung (44 v. Chr.) adoptierte Julius Cäsar seinen Großneffen Octavian und setzte ihn zum Erben seines umfangreichen Vermögens ein. Dieser erhielt damit auch Cäsars Siegelring – eine Geste von hoher sinnbildlicher Tragweite, denn mit der Verwendung des persönlichen Siegels konnte der damals 19jährige Octavian seinen Anspruch als legitimer politischer Nachfolger Cäsars untermauern.

Auf der Gemme sind noch weitere Symbole angeordnet: Octavians Kopf umgeben Füllhörner und Theatermasken, im Inneren des Rings hockt eine Maus, darunter befinden sich der Fuß des Gottes Merkur und ein Delfin. Diese Zusammenstellung sollte Glück und Wohlleben verheißen, Aspekte, die eng mit der Person Octavians verbunden waren und unter seiner Herrschaft in Erfüllung gehen sollten.

In den Wirren des Bürgerkriegs, der Cäsars Ermordung folgte, entspann sich ein zähes Ringen um die Vormachtstellung in Rom. Octavian musste sich gegen prominenteste Kontrahenten behaupten, allen voran Marcus Antonius. Der Kampf wurde nicht nur militärisch, sondern auch als »Kampf der Bilder« ausgefochten. Hiervon zeugt die genannte Serie von Gemmen: Vermutlich wurden sie anlässlich der Adoption hergestellt. Bestand bei den abgebildeten Masken vielleicht auch ein Zusammenhang mit Theateraufführungen, die Octavian zu Ehren Cäsars veranstalten ließ?

Markus Strathaus

Literatur

G. Platz-Horster, Antike Gemmen aus Bayern in der Archäologischen Staatssammlung, Ausstellungskataloge der Archäologischen Staatssammlung 42 (München 2018) 32–33 Kat. 8