Lang lebe das Langohr!

Objekt des Monats April 2021

Bronzener Ornamentbeschlag mit Weinranken, Hasen und Hunden aus dem römischen Militärkastell von Oberstimm.

Bei unserem Objekt des Monats April 2021 handelt es sich um das Fragment eines bronzenen Ornamentbeschlags, der im römischen Kastell von Oberstimm ausgegraben wurde. Er zierte wohl einst die Scheide eines römischen Schwertes (gladius) aus der Zeit am Ende des 1. /Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr.

Dargestellt sind üppige Weinranken, deren weite Bögen an beiden Seiten mit Tierfiguren und Trauben gefüllt sind. Erkennbar ist – in doppelter Ausführung und spiegelbildlich angeordnet – jeweils ein Hund, der einen Hasen jagt. Dieses Motiv ist in der römischen Kunst zahlreich vertreten. Große Beliebtheit erfreut es sich vor allem im 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. auf verschiedenen Bildträgern wie Lampen, Gemmen, Mosaiken, Keramik usw.

Der Hase galt einerseits als Beutetier schlechthin. Der römische Dichter Martial (40–103/104 n. Chr.) beschreibt ihn als »die größte Delikatesse unter den Vierbeinern«. Zahlreich sind die Darstellungen menschlicher und göttlicher Figuren auf der Hasenjagd, wobei oftmals auch Hunde zum Einsatz kommen. Die Jagd galt als eine Tätigkeit, bei der sich Stärke und Tapferkeit (virtus) unter Beweis stellen ließen. Überdies wurden in der Arena Hasenjagden mit Hunden und Löwen veranstaltet.

Anderseits kann der Hase auch als ein Symbol für Fruchtbarkeit und Erotik, für fortbestehendes Leben und Lebensgenuss stehen. Eine derartige Bedeutungsebene passt wiederum gut zu den Weinranken. Martial wurde angeblich Zeuge einer »Jagd-Show« in der Arena, bei der ein Hase vor einer Hundemeute in den Rachen eines Löwen floh, um dort schließlich friedlich zu spielen. (Dass der Löwe großmütig Gnade walten ließ, wurde dem Dichter zufolge übrigens wie auf wundersame Weise durch die mildtätige Aura des anwesenden Kaisers bewirkt.)

Auch in einigen Fabeln z.B. kann der Hase aufgrund seiner Klugheit und Schnelligkeit dem Tod entrinnen. Neben der »knabbernden Maus« (siehe unser Objekt des Monats April 2020) findet sich auch die Figur des »knabbernden Hasen«, der sich an Trauben oder ähnlichen Leckereien gütlich tut. Gelegentlich hockt er dabei sogar unerschrocken schmausend inmitten einer Kampfszene.

Sollte die Deutung als Schwertscheidenbeschlag zutreffen: Wollte der Besitzer des gladius seine virtus veranschaulichen – auf dass er die Feinde in die Flucht schlagen möge wie der Hund den Hasen? Oder wollte er darüber hinaus dem Wunsch nach lebensspendender Kraft und Wohlleben Ausdruck verleihen?

Markus Strathaus

Literatur

H. Schönberger, Kastell Oberstimm. Die Grabungen von 1968 bis 1971, Limesforschungen 18 (Berlin 1978) 185 Kat. B 413 mit Taf. 29 und 43