Die schlafende Göttin
Objekt des Monats April 2026
Die Kelten bewiesen nicht nur bei der Errichtung von Bauwerken, der Planung von Städten oder der Herstellung von Werkzeugen, sondern auch im religiösen Bereich – im wahrsten Sinne des Wortes – Köpfchen. Welche bedeutende Rolle Menschen- und Tierköpfe in der keltischen Welt spielten, zeigen etwa einige im Manchinger Oppidum gefundene Achsnägel, allen voran unsere »Maskottchen«, die beiden Achsnägel in Gestalt von Eule und Falke, aber auch unser Objekt des Monats im April 2020.
Zu dieser Reihe gehört auch unser Objekt des Monats April 2026, das einen einzigartigen Fund aus der Keltenstadt von Manching darstellt: ein bronzener Zierbeschlag mit Darstellung einer »Maske«.
Das rund fünf Zentimeter große Plättchen, das vermutlich in das 1. Jahrhundert v. Chr. datiert, war ursprünglich vermutlich an einem großen Gefäß, etwa einem Kessel angebracht. Darauf deuten seine leichte Wölbung sowie die Löcher an den vier Ecken hin. In den unteren beiden Löchern haben sich noch Reste von Eisennieten erhalten, die einst zur Befestigung dienten.
Aus dem Zentrum ragt ein menschliches Haupt hervor. Die Haare sind in breiten, gleichmäßigen Strähnen geordnet. Bei dem Objekt am Hinterkopf könnte man auf den ersten Blick an einen Dutt beziehungsweise »Man Bun« denken, aber es handelt sich um einen Eisenstift, der auf der Rückseite von einem Bronzeblech gehalten wird. Seine Funktion ist bislang unklar. Das fein geschnittene, bartlose Gesicht zeichnet sich durch einen schmalen Mund und markant hervortretende Augen auf. Die Augen sind fest geschlossen: Schläft die dargestellte Figur? Oder ist sie etwa verstorben?
Das Gesicht ist von eingeritzten Verzierungen umgeben: An den Schläfen hängen zwei »Hathorlocken« herab. Der Name leitet sich von der Frisur der altägyptischen Göttin Hathor ab. Sie war die Mutter- und zugleich Totengöttin und wachte über Liebe, Frieden und die schönen Künste. Außerdem ist eine solche Haartracht auch bei altorientalischen und etruskischen Darstellungen von Göttinnen zu finden. Unterhalb des Kopfes sind zwei Spiralen eingraviert. Einige Forscher*innen sehen hierin einen Torques, den für die keltische Tracht typischen Halsreif, andere hingegen »nur« eine Palmettenverzierung.
Vieles deutet darauf hin, in der abgebildeten Frau eine Göttin zu sehen. Aber warum sind deren Augen dann geschlossen?
Das Gefäß, welches das Gesicht einst zierte, muss einen Durchmesser von mindestens 30 Zentimetern Durchmesser besessen haben. Einmal angenommen, dieses wurde für kultische Zwecke verwendet: Stellt die »Manchinger Dame« möglicherweise eine Gläubige dar, die sich während einer kultischen Handlung in einem tranceartigen Zustand befindet?
All diese Fragen lassen sich bislang nicht sicher klären. Aber vielleicht erwecken zukünftige archäologische Funde und Forschungen die »Göttin« aus ihrem Schlaf.
Markus Strathaus
Literatur
D. van Endert, Die Bronzefunde aus dem Oppidum von Manching, Die Ausgrabungen in Manching 14 (Stuttgart 1991) 42–44.
Weitere Infos
Das Objekt bei Bavarikon
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