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kelten römer museum manching  |  E-Mail: info@museum-manching.de  |  Online: http://www.museum-manching.de

Ergebnisse der Ausgrabungen in Manching von Dr. Rupert Gebhard (Archäologische Staatssammlung München)

Die Geschichte der Kelten - 2. Das Leben in der Stadt

Italische Silberfibeln aus Manching
Italische Silberfibel aus Manching

Bereits in der Bebauungsstruktur lässt sich erkennen, dass die keltische Großsiedlung von Manching sehr komplex organisiert war. Selbst die gewaltige Menge an Funden kann hier nur einen vagen Eindruck vermitteln. Wie in jeder Stadt ist die Struktur und Organisation abhängig von mehreren Faktoren. Hierzu zählen die Spezialisierung, die Arbeitsteilung und die gesellschaftliche Differenzierung. Die Lebensfähigkeit des gesamten Systems beruhte auf verschiedenen wirtschaftlichen Grundlagen. Nach unterschiedlichen Berechnungen lebten zur Blütezeit der Siedlung zwischen 5000 und 10 000 Personen in dem Oppidum. Das Zusammenleben war notwendigerweise reglementiert, jedoch ist davon nur sehr wenig nachvollziehbar.

Immerhin ließ sich mittlerweile ein Maß- und Gewichtssystem rekonstruieren sowie eine relativ genaue Kenntnis eines voll funktionsfähigen Münzsystems gewinnen. Kern war anscheinend eine Kleingeldwährung, die für den Zahlungsverkehr innerhalb der Stadt benutzt wurde. Sie besteht aus Kleinsilbermünzen und Büschelquinaren. Hinzu kommen Münzen aus unedlen Bronzelegierungen (Potin).

Dagegen gibt es unter den Funden im Oppidum so gut wie keine Goldmünzen. Diese dienten wohl vor allem für den Fernhandel, wie die boischen Goldmünzen auch in Bayern zeigen.

Zaumzeug eines Pferdes aus ManchingLandwirtschaft und Viehzucht waren Grundlage für die Ernährung. Über die Haustierhaltung wissen wir sehr gut aus der Auswertung der Tierknochen Bescheid.

Von den Haustieren waren

  • 41,8 % Rinder,
  • 32,4 % Schweine,
  • 20,0 % Schafe und Ziegen,
  • 4,7 % Pferde,
  • 0,8 % Hunde.

Knochen von Wildtieren haben lediglich einen Anteil von 0,2 %. Bezieht man die Angaben von Joachim Boessneck auf eine intensiv besiedelte Fläche von 100 Hektar, so errechnet sich als jährliche Schlachtausbeute ein Gewicht von 308 000 kg. Durchschnittlich stand mindestens eine Tagesmenge von 844 kg zur Verfügung. Die Größe des Tierbestandes lag bei etwa 1150 Pferden, 11 575 Rindern, 13 000 Schafen und Ziegen, 12 000 Schweinen und 1325 Hunden.

Die extensive Viehzucht hatte während der Wintermonate sicherlich Fütterungsprobleme zur Folge. Man kann davon ausgehen, dass hier eine effektive Vorratswirtschaft bestand. In diesem Zusammenhang ist auch das Vordringen der Sense als Gerät zur Grasmahd während der jüngeren Eisenzeit zu sehen. Da das Umland von Manching bislang nicht ausreichend erforscht ist, ist unklar, wie weit sich hier die Landwirtschaft ausdehnte. Einzelhöfe außerhalb des Oppidums, die so wie etwa die römischen Villen zur zusätzlichen Versorgung der Stadt dienten, wurden noch nicht entdeckt.

Manching wurde an einem verkehrsgünstigen Standort errichtet. Die Flussschifffahrt auf der Donau ermöglichte eine rasche Verteilung von Waren und Produkten. Ein Reichtum der Siedlung war Eisen. Es findet sich in der Form von Raseneisenerz im unmittelbaren Nahbereich der Siedlung. Nicht weit entfernt, im Gebiet von Neuburg a.d. Donau und auf der Alb, kommt auch noch Bohnerz hinzu. Zahlreiche Verhüttungsplätze im Feilenmoos belegen eine umfangreiche Industrie. Überwiegend wurde das Eisen zum Eigenbedarf der Siedlung verhüttet. Ein Export von Roheisen erscheint unwahrscheinlich, hingegen ist eine große Anzahl fertiger Produkte verhandelt worden.



ringeHandwerkliche Tätigkeiten sind in Manching vielfältig nachweisbar. Die Produkte und Werkzeuge sind in großer Anzahl, Vielfalt und Qualität vorhanden. All dies lässt den Schluss zu, dass das Handwerk in Manching eine Haupterwerbstätigkeit war. Deutlich wird dies unter anderem bei der Glasbearbeitung. Hergestellt wurden zwar nur Perlen und Glasarmringe, diese aber in großer Stückzahl und mit erstaunlicher Perfektion. Bislang stammen etwa 900 Glasartefakte aus den Grabungen. Die Entwicklung der Glasherstellung zeigt, wie sehr das Handwerk in keltischer Zeit auf Traditionsbildung angewiesen war. Eine Untersuchung der Glasarmringe von Manching hat ergeben, dass eine Herstellung dieser technisch aufwendigen Schmuckstücke über längere Zeit nur durch unmittelbare Weitergabe der Werkstattgeheimnisse auf die nächste Generation möglich war. Dazu zählen nicht nur die technischen Einzelheiten zur Schmelze und Formung des Glases, sondern auch das Wissen über die färbenden Bestandteile. Erfolgreiche Färbungsrezepte wurden über Generationen hinweg weitergeben. Das typisch kobaltblaue Glas wird über mehr als 100 Jahre lang unter Beibehaltung der gleichen Zusammensetzung verarbeitet. Mit dem Ende der Kelten ging das Wissen um die Herstellung der Glasarmringe vollkommen verloren. Bereits die Römer konnten nur weit primitivere Ringe fertigen, die an einer Stelle zusammengeklebt waren.

Die Bildung einer starken handwerklichen Tradition wird vom Zusammenleben in der Stadt begünstigt. Die Stadt ist damit auch der Motor für die rasche technische und handwerkliche Entwicklung in der jüngeren Eisenzeit. Im Zentrum des Handwerks steht der Schmied. Er fertigt für sich und andere Handwerker die Werkzeuge. Die Verarbeitung von Bronze spielt in Manching eine eher untergeordnete Rolle. Dagegen zeigt sich die Perfektion der Manchinger Eisenschmiede in vielen Bereichen. Eiserne Schmuckstücke werden in unglaublich filigraner Weise verziert. Aber auch der Erfindungsgeist für neue Werkzeuge und Geräte ist bemerkenswert. Meist dienen sie zur Erleichterung von Arbeitsvorgängen, zuweilen ermöglichen sie aber auch die Herstellung neuer Dinge. Drahtzieheisen erlauben die rasche Herstellung von Drähten zur Schmuckherstellung; Spannzangen rationalisieren Schmiedeyorgänge; Eisenfeilen, Punzen und Ziselierwerkzeuge waren wichtigstes Werkzeug des Feinschmiedes. Die vom Schmied hergestellten Werkzeuge decken einen breiten Bereich ab. Sägen, Löffelbohrer, Dechsel und Breitaxt erlauben eine hochwertige Holzbearbeitung; Sattler- und Gerbwerkzeuge dienten dem Sattler und Kürschner zur rationellen Herstellung ihrer Produkte. Die Verarbeitung von Holz, sei es in der Wagnerei, Zimmerei oder in anderen Bereichen, spielte eine dominante Rolle. Da sich in Manching fast keine organischen Reste erhalten haben, müssen hier die Beschlagteile und die entsprechenden Werkzeuge Auskunft geben. Die gefundenen Eisenwerkzeuge lassen Rückschlüsse auf die Holzbearbeitungstechniken zu. Belegt sind Löffelbohrer, geeignet zum Bohren von Verzapfungslöchern, etwa an Gebäuden. Stemmeisen, Beitel und Hohleisen ermöglichten das Ausstemmen von Löchern oder das Aushöhlen von Gegenständen. Funde von fein- und grobgezackten Sägeblättern zeigen, dass ganz unterschiedlich dicke Hölzer gesägt wurden.

Dass die Herstellung von Produkten auch in Zusammenarbeit erfolgt sein konnte, zeigt das Beispiel von Schlüssel und Schloss. Hier arbeiteten Schmied und Holzhandwerker eng zusammen. Der Schmied stellte die Schlüssel her, der Holzhandwerker konstruierte die hölzernen Riegelmechanismen.

Bemalte Keramik, glatte Drehscheibenware und Graphittonkeramik aus Manching (1)Es gab noch viele andere handwerkliche Betätigungen im Oppidum, auf die hier nicht im einzelnen eingegangen wird. Die Verarbeitung von Bein ist ebenso bezeugt wie das Textilhandwerk und vor allem die Töpferei. Die Töpfereien des Oppidums stellten hochwertige Keramik her, die zum Teil zur Deckung des Eigenbedarfs diente, zum Teil aber auch für den Export bestimmt war. Wie viel und wieweit Keramik exportiert wurde, ist unklar. Umfangreiche naturwissenschaftliche Analysen sollen hier in nächster Zeit neue Ergebnisse bringen.


Achsnägel mit KäuzchenköpfenKünstlerisches Gestalten, auch aus religiösen Motiven heraus, war ein Teil des Handwerks. Die unter dem Stichwort ,,Kunst" zusammenzufassenden Objekte aus den Ausgrabungen in Manching sind nicht Zeugnisse von individuell schaffenden Künstlern, sondern von Handwerkern. Dabei tritt der Handwerker oft in den Dienst der Religion. W. Krämer hat die eiserne Pferdeplastik von Manching, die vermutlich für einen Tempel angefertigt wurde, treffend als Arbeit eines Blechners bezeichnet. Religiöse Motive können aber auch funktionelle Gegenstände verzieren, wie die bekannten Achsnägel mit Käuzchenköpfen, den Zügelring mit dem Vogel- und Stiermotiv, oder die Beschlagplatte mit der Maske einer weiblichen Gottheit. Auf einem etwa 125 g schweren Bleigewicht, das vielleicht zum Abwiegen von Silber benutzt wurde, ist auf der Vorderseite das Brustbild eines Gottes dargestellt. Er trägt am Hals den Torques, im Arm ein schwer identifizierbares Attribut. Auf der Seite des Gewichtes sind Marken, Schrift- oder Zahlzeichen eingeritzt. In der Form ganz ähnliche Gewichte waren in den griechischen Kolonien Kleinasiens und an der Schwarzmeerküste gebräuchlich.

Graffito eines Hirsches auf einem Topf aus ManchingEinzigartig ist ein Gefäß mit eingeritzter Hirschdarstellung. Das schwungvoll gestaltete Tier befindet sich im Sprung. Im Maul trägt es einen runden Gegenstand, der eine Trense sein könnte. Eine Erklärung für das eigenartige Bild findet sich in einem Grab von Villeneuve in Frankreich. Dort wurde ein mit einer eisernen Trense gezäumter Hirsch begraben. Der Hirsch galt den Kelten als heiliges Tier. Der Gott Cernunnos trägt als Attribut ein Hirschgeweih auf dem Kopf.

Zu den ältesten Kunstobjekten, die bislang im Oppidum gefunden wurden zählt das sog. goldene Kultbäumchen von Manching. Den Schrein des Bäumchens bedeckten Blattgoldflächen, die im plastischen Stil gestaltet waren. Das Bäumchen weist enge Beziehungen zum Tarentiner Goldschmiedehandwerk auf. Es wurde möglicherweise im Rahmen eines Baumkultes verehrt und in Prozessionen getragen und gehört in die Frühphase einer dörflichen Siedlung bei Manching (1. Hälfte 3. Jh. v. Chr.).

Sobald die Siedlung von Manching im 2. Jh. v. Chr. städtische Strukturen ausbildete, tritt eine Verarmung des individuellen Kunststiles ein: Gegenstände mit perfektem Dekor werden massenhaft vervielfältigt. Virtuos verzierten die Waffenschmiede die Scheiden der Schwerter mit Punzen, die Klingen damaszierten oder ätzten sie. Auch die Emaillierkunst war den Schmieden vertraut. Das leuchtend rote Blutemaille brachten sie sowohl auf Eisen als auch auf Bronze auf. Die Entwicklung des keltischen Kunsthandwerks ab dem 3. Jh. v. Chr. erklärt sich aus den immer enger werdenden Beziehungen zur Mittelmeerwelt. Zunächst ist diese nur im Einfluss des Hellenismus auf den keltischen Kunststil fassbar, doch auch die städtische Lebensweise und der Bau der Stadtmauern sind als Folgeerscheinung anzuführen.

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